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28. August - 16. September 2002

Haben Sie eine Heimat? Wo ist diese? Können Sie nur in einer Kultur leben oder gar schreiben? Bedeutet der Wechsel aus einer Kultur in eine andere für Sie eine lebenslange Heimatlosigkeit?
Mit diesen spannenden Fragen setzen sich alle 8 Schriftsteller auseinander, die in diesem Jahr in der Sylt-Quelle gastieren. Schon zum 3. Mal findet die Literatur an der Quelle statt und wieder einmal diskutieren und lesen Literaten zu einem Thema. Ist fremde Heimat ein ewiger Widerspruch oder kann man in der Fremde eine neue Heimat finden? Alle geladenen Schriftsteller erleben freiwillig oder gezwungenermaßen eine "fremde Heimat", die sie und ihre Werke prägt und verändert. Einige schreiben in ihrer Muttersprache, andere haben die Sprache ihrer neuen "Heimat" als Medium für ihre Empfindungen und Erfahrungen gefunden.
Erleben sie, wie unterschiedlich die Erfahrungen in Deutschland auf Schriftsteller aus unterschiedlichen Kulturkreisen sein können, was für Erfahrungen allen gemein sind. Erleben Sie, wie man aber auch als in Deutschland geborener die Heimat als Fremde empfindet.
Ich habe keine Schuhe nicht
Geschichten von Menschen zwischen Oder und Weichsel
Lesung Helga Hirsch
28. August, 21.00 Uhr

"Dann gibt es nur noch Entweder-Oder, und das Fremde ist der Feind. Die Polen, Juden und Deutsche, deren verwickelte und bewegende Lebenswege Helga Hirsch nachzeichnet, haben dies schmerzhaft, doch auf sehr bewegende Weise erlebt. Acht Biographien, acht Schicksale von Frauen und Männern, die zwischen politischen, konfessionellen und nationalen Fronten nur selten eine Heimat finden. Die politischen Verhältnisse haben sie, äußerlich wie innerlich, zu Grenzgängern gemacht.
Dr. Helga Hirsch studierte Germanistik und Politologie in Berlin und arbeitet seit 1985 als freie Journalistin u.a. den WDR und die FAZ. 1988 bis 1994 war sie Korrespondentin in Warschau.
"Briefe aus dem Exil"
Michael Pundt liest aus dem Leben Klaus Manns
6. September, 21.00 Uhr

In dieser Lesung erleben die Zuhörer von den Einsamkeiten des Exils, dem Wunsch nach einer Heimat in der Welt und der inneren Zerissenheit dieses genialen Menschen, der Zeit seines Lebens immer auf der Flucht auch vor sich selbst und dem Übervater Thomas Mann gewesen ist.
Michael Pundt ist Schaupieler am Jungen Theater in Bremen und spielt ab dem 20. September in einer Inszenierung des Jungen Theater und der Sylt-Quelle des Stückes "Die Untersuchung eines Zufalls" von Alexej Schipenko.

Das Leben Arsenijs
Alexej Schipenko
10. September, 20.30 Uhr
Eine Vielzahl verückter Episoden, wechselnde Schauplätze, kühne Zeitsprünge, fulminante Action und Legendenton, das Spiel mit Trivialmythen und der Rekurs auf einen "russischen Mythos"- das sind die Charakteristika von Schipenkos Romandebüt. Als Arsenij von seinem Vater auf dem Admiralskoje-Friedhof in Sewastopol aus Versehen begraben wird, scheint der Roman "Das Leben Arsenijs" auch schon beendet zu sein. Doch es kommt ganz anders: Als Jack Walden wacht Arsenij auf einer Parkbank in New York wieder auf und gerät in eine unglaubliche Geschichte...
Alexej Schipenko wurde 1961 in Sewastopol, Russland geboren. Nach einem Schauspielstudium am Moskauer MCHAT Theater arbeitete der Autor als Schauspieler, Dramatiker, Regisseur, Komponist und Musiker. Seit 1992 lebt er in Berlin. Am 20.09. wird in der Sylt-Quelle in Zusammenarbeit mit dem Jungen Theater Bremen sein neuestes Stück "Die Untersuchung eines Zufalls" uraufgeführt.
German Amok

Feridun Zaimoglu liest aus seinem neuen Roman
12. September, 20.30 Uhr
Der begnadete Sprachschöpfer Feridun Zaimoglu wirft böse Blicke auf Zerfall und Fäulnis und reißt den Leser mit auf eine apokalyptische Todesfahrt. Mit maßlosem Furor geißelt der Ich-Erzähler, ein erfolgloser Künstler und begehrter Lustsklave, die Hohlheit eines Milieus, das sich auf Oberflächenreize kapriziert hat. Bildreich, wortmächtig und eindringlich lässt Zaimoglu eine abgründige Welt entstehen, deren Verfall nicht aufzuhalten ist.
Feridun Zaimoglu wurde 1964 in Bolu in der Türkei geboren und lebt seit mehr als 30 Jahren in Deutschland, seit 1985 in Kiel. Er studierte Kunst und Humanmedizin und arbeitet heute als Schriftsteller, Drehbuchautor und Journalist. Mit seinem ersten Buch "Kanak Sprak" wurde er zum Kultautor. Er ist Mitbegründer der türkischen Literaturzeitung ARGOS und Kolumnist für SPEX.

Die Milchstrasse - Erzählungen
Artur Becker
13. September, 20.30 Uhr
Männer und Frauen, Grenzgänger und Staatenlose sind die Helden in Artur Beckers neuen Geschichten aus Bartoszyce, Bremen und New York. Seine Figuren sind überall und nirgends zu hause: im Zirkuswagen, über dem Kino, in Holzhütten, Plattenbausiedlungen und im Seemannsheim. Die 80er und 90er Jahre haben sie in alle Himmelsrichtungen zerstreut...
Artur Becker erweist sich mehr und mehr als Chronist der 1989 begonnenen Transformation im Osten wie Westen; melancholische und humorvolle, verzweifelte und archaische Stimmen klingen in seinen Geschichten an.
Artur Becker wurde 1968 in Bartoszyce, Masuren geboren und lebt seit 1985 in Deutschland. Von ihm erschienen mehrere Gedichtbände sowie die Romane "Der Dadajsee" und "Onkel Jimmy, die Indianer und ich" (2001). Er erhielt zahlreiche Preise und Stipendien und lebt in der Nähe von Bremen.

Miss Bukarest
Richard Wagner
14. September, 20.30 Uhr
Dino Schullerus, der aus Rumänien stammende Detektiv, hieß früher Dinu Matache. Vor zehn Jahren reiste er mit seiner deutschstämmigen Frau Lotte nach Berlin aus. Als Geheimdienstoffizier hat Dinu Dissidenten, Künstler und Akademiker bespitzelt, u.a. auch die attraktive Eva Binder, mit der er auch ein Verhältnis hatte. Kurz nachdem er Eva in Berlin wiedertrifft wird sie ermordet...
Ein meisterlicher Roman über die rumänische Vergangenheit und die deutsche Gegenwart, erzählt von drei Protagonisten, die die verschiedensten Motive verfolgen.
Richard Wagner wurde 1952 im rumänischen Banat geboren, studierte in Temesvar Germanistik und Rumänistik. Er arbeitete in Rumänien als Deutschlehrer und Journalist und schloß sich der "Aktionsgruppe Banat" an, einer literarische-politischen Vereinigung von Autoren der deutschen Minderheit, die 1975 von der Securitate zerschlagen wurde. Richard Wagner veröffentlichte mehrere Lyrik-und Prosabände in deutscher Sprache in rumänischen Verlagen. Seit 1987 lebt er als freier Autor in Berlin.

Was meine Heimat war - Die Odyssee des Afghanen Massud
Bruni Prasske
15. September, 20.30 Uhr
Der Afghane Massud verbringt eine glückliche Kindheit in einem friedlichen Land. Als 13jähriger erlebt er den Staatsstreich 1978 als jähen Umschwung in eine neue Wirklichkeit. Fast 20 Jahre später erzählt er seine Geschichte: die Revolution, Willkür und Gewalt eines verhassten Regimes, den Aufmarsch der Roten Armee. Auf Studentenjahre in der DDR, wo er Maschinenbau studiert, folgt die Rückkehr in eine zerstörte Heimat. Zum Fronteinsatz gezwungen, erlebt Massud das letzte Aufbegehren der Machthaber, die durch den Niedergang der Sowjetunion ihre Basis verloren haben. Die neuen Herrscher, die Mudschaheddin, verschleppen seinen Bruder...
Das Buch von Bruni Prasske zeichnet in atemberaubender Dichte des Lebensweg eines Heimatlosen nach.
Bruni Prasske, geboren in Norddeutschland, studierte interkulturelle Pädagogik, war Sozialarbeiterin in Flüchtlingsunterkünften und wirkte in Einwanderungsprojekten in den USA mit, bevor sie 2000 ihr ersten Buch "Mögen deine Hände niemals schmerzen" veröffentlichte.

Denn wir sind anders.
Die Geschichte des Felix S
Jana Simon
16. September, 20.30 Uhr
Seine Großeltern sind alte Kämpfer - der Großvater ein weißer Kommunist und Regimegegner, die Großmutter eine Farbige, die sich in Südafrika ineinander verliebten. Eine nach den Gesetzen der Apartheid verbotene Liebe und so flohen sie 1961 über Ghana in die DDR. Jana Simon erzählt die Geschichte des Enkels Felix, der 1970 in Ostberlin geboren wurde, als Farbiger in der DDR von Beginn an ein Exot war und häufig von anderen Kindern verprügelt wurde. Mit 13 lernt er Karate, was in der DDR verboten war und trainiert wie besessen, heißt schon bald in der Ostberliner Kampfsportszene "der kleine Bruce Lee". Sein Extremismus ist gefürchtet, nach dem Mauerfall wird Felix deutscher Kickboxmeister. Er verdient Geld als Türsteher in Nachtclubs, Puffs und illegalen Casinos. Im November 2000 wird Felix verhaftet, in Prozeß und Urteil nimmt er sich das Leben.
Die Journalistin Jana Simon porträtiert Felix, der es als Farbiger zu DDR Zeiten schon schwer hatte und der sich nach dem Mauerfall seiner Identität beraubt und um seine Vergangenheit betrogen sah.
Jana Simon wurde 1972 in Potsdam geboren. Sie studierte Osteuropastudien in Berlin und London und arbeitete als freie Journalistin. Seit 1998 ist sie Reporterin beim Berliner Tagesspiegel, Geo und der "Zeit". Jana Simon kennt Felix S. seit seinem 16. Lebensjahr.
