Eine Performance von Esther Ernst und Jörg Laue

symtom@sylt

25.08.2007, 20.15 Uhr

Sie sammelt und ordnet, er lässt den Zufall spielen. Sie katalogisiert, was da ist, er verfremdet das Gefundene. Mit den Eindrücken, reduzierten Alltagssituationen, die sie gemeinsam entdecken, gehen Esther Ernst und Jörg Laue auf ganz verschiedene Weise um. „Grosis Dinge“ heißt beispielsweise eine Fotoserie von Esther Ernst, die 1977 in Basel geboren ist und Kunst und Bühnenbild studiert hat: Eine Bestandsaufnahme der Dinge, die ihre Großmutter hinterließ, jedes Nähnadelbriefchen einzeln sorgsam betrachtet. Jörg Laue, Jahrgang 1964 und Theaterwissenschaftler, beschäftigte sich in seinen Performances mit der Berliner Lose Combo, zu der auch Esther Ernst gehört, mit Glückstreffern der Wissenschaft, mit zunächst abwegig erscheinenden Episoden und Zufällen am Rande der Geschichte des technischen Fortschritts.

Der Flutsaum der Nordsee ist ideales Terrain für beide Arbeitsweisen. Die unberechenbaren Systeme Meer und Wind werfen einem vor die Füße, was nach Betrachtung, Einordnung zu verlangen scheint. Zwei Monate lang haben die beiden Großstädter auf Sylt Material gesammelt und in der Perfomance-Installation symptom@sylt verarbeitet, die Ende April in Basel uraufgeführt wurde und nun an den Ort ihrer Entstehung zurückkehrt.

Ein Aufbewahrungssystem, gemacht, um Unterschiedliches auf engem Raum zu vereinen, hat sich bereits in einem früheren Stück der beiden Künstler bewährt. Die Kontraste müssen auch hier erst einmal zueinander finden: Ernsts Zeichnungen brauchen Licht, Laues Videos wirken im Dunkeln. Ein Regal, erweitert um dünnes Vlies als Projektionsleinwand, kann beider Inseleindrücke in Bild, Schrift, Klang präsentieren. Und die Eindrücke waren reichhaltig. „Ich bin meist sehend und hörend unterwegs in diesem minimalistischen System von Licht und Meer, das aber wahnsinnig komplex ist“, sagt Jörg Laue. „Das Zufallsfunde, wohlgeordnet Esther Ernst sortiert Strandfunde, entknotet Schiffstaue, während Jörg Laue Texte vorträgt. 89 KUNST:RAUM SYLT QUELLE Wattenmeer sieht vom Fenster aus in einem Moment angenehm blau aus, fünf Minuten später ist alles glänzend schwarz.“ Die Natur, ergänzt Esther Ernst, fanden beide, obwohl Stadtmenschen, sehr beeindruckend. „Ich kann hier sehr viel konzentrierter arbeiten als in Berlin, wo man immer noch schnell irgendwohin muss.“ Die vielen Puffer zwischen dem eigenen Schaffen und direkten Sinneseindrücken fallen weg, wie Laue erklärt: „Hier geht man raus und steht mitten in der Erfahrung von Licht, Luft, Horizont. Ich hatte zum Beispiel so viel Spaß daran, Strukturen von Wellen zu beobachten und zu entdecken, wie sie sich im Sand wiederholen. Die Ergebnisse sind ganz unspektakulär.“ Mit der Videokamera ist er über die Sandrippel am Strand gegangen, durch einen Wald oder durch Dünengras. Die langen, ungeschnittenen Aufnahmen wurden auf weißes Papier projiziert, von dort wieder abgefilmt und zum Beispiel durch Veränderung der Helligkeitswert verfremdet. „Ich produziere gewollt Fehler“, sagt Laue, „wenn man an einer Stelle am Weißabgleich dreht, passiert Unkalkulierbares.“ Ähnlich bei den Klangflächen: Man hört Wind und Wasser rauschen, dazwischen Radioschnipsel, aber der Wind ist nicht unbedingt wirklich Wind, sondern vielleicht auch ein verfremdetes Geräusch aus der Abfüllanlage der Sylt-Quelle.

Fotos von Sandstruktur oder Algen finden sich auch auf den tabellarischen Wochenplänen, die Esther Ernst während der Zeit in Rantum angelegt hat: eine Art Tagebuch, das private Korrespondenz festhält, Ausflüge auf Sylt, historische Fotos und Ausschnitte aus Vorträgen. Die Elemente tauchen mehrfach auf: Die Strandung des Frachters Adrar im Jahre 1935 wird in Interviewform in einer fiktiven Sylt-Zeitschrift erzählt, in der auch in witzig verfremdeten Anzeigen und Reproduktionen von Ernsts Strandgut-Aquarellen die Alltagsbeobachtungen aufscheinen.

Mit Lesungen, Videoprojektion und akustischem Material werden die Fundsachen zu einer Performance von knapp einstündiger Dauer verarbeitet, während der die Zuschauer ständig entscheiden dürfen und müssen, aus welcher Richtung sie die Regalmodule betrachten und ob sie sich dem Zufall oder der Ordnung überlassen wollen.